In Benedict Wells Roman „Becks letzter Sommer“ wird die Suche nach Glück, sowie die Schwierigkeit seinen eigenen Weg zu gehen thematisiert. 2009 ist der Roman im Diogenes erschienen und handelt von dem Protagonisten Robert Beck, der sich in seiner Existenz verloren fühlt und den Sinn in seinem Leben sucht. Die Begegnungen mit zwei besonderen Menschen, einem Schüler und einer jungen Studentin, verändern sein Leben. Die Geschichte verläuft wie eine Kassette, der Umschwung zur „B-Seite“ markiert einen klaren Cut im Verlauf der Handlung. Die einzelnen Teile der Erzählung sind Lieder, die verschiedene Erlebnisse Becks mit den anderen Figuren thematisieren.

Beck lebt allein und hat nur wenige Vertrauenspersonen, sein bester und einziger Freund ist Charlie, eine tragische Person, die immer für Beck da ist. Beck wird auf einen seiner Schüler aufmerksam, namens Rauli. Er entdeckt, dass der Junge ein außergewöhnliches musikalisches Talent hat. Es entsteht eine außergewöhnliche Bindung zwischen den beiden, sie versuchen einander zu verstehen. Auch Lara, eine junge Studentin, tritt durch eine Reihe merkwürdiger Ereignisse in Becks Leben. Beck kann sich ihr gegenüber öffnen. Lara träumt jedoch von einer Zukunft in Rom. Alles verwandelt sich in einen Abenteuerroman, als Beck, Charlie und Rauli sich auf eine Reise ins Ungewisse und begeben. Diese Reise ändert deren Leben fundamental.

„Unsere Existenz ist ein Kosmos von Nichtwissen“; „Liebe und Lachen sind vielleicht die beste Form der Verdrängung“

Die Sprache wirkt leicht, es ist nicht schwierig den Gedanken des Protagonisten zu folgen, je nach Dialogpartner ist das Vokabular sogar einfach und vulgär. Es steht jedoch in einem interessanten Kontrast mit der Symbolhaftigkeit der Sprache und der Reichhaltigkeit an Metaphern. Der Text wirkt durch diese gemischte Sprache echt und schildert authentisch und realistisch das Innenleben Becks.  Als Leser steigt man unmittelbar in Becks Alltag als Lehrer und ehemaliger Musiker ein, sein Leben verläuft allerdings sehr monoton. Rauli, einer seiner schwierigen Schüler erregt Becks Aufmerksamkeit, da der Junge eine Pistole bei sich hat. Beck möchte seinen Schüler verstehen und entdeckt Raulis enormes musikalisches Talent. Dank Rauli hat Beck ein Projekt und möchte seine eigenen Träume, in der Musik Erfolg zu haben, durch Rauli Realität werden lassen. Rauli gibt ein Konzert, welches ihm die Tür zu einer vielversprechenden Karriere öffnet. Beck weiß von Raulis möglichem Alleingang nichts, er lebt in der Illusion den Jungen groß heraus zu bringen.

Eines Abends retten die beiden Lara, eine junge Studentin. Beck verliebt sich in sie, das erste Mal in seinem Leben. Lara hat den Wunsch, in Italien einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Diesen Mut hat Beck trotz seiner großen Träume nicht.  Es entsteht ein Kontrast zwischen den so unterschiedlichen Liebenden. Lara ist die einzige Figur, die ihren Träumen nachgeht und ihre lebensfrohe Einstellung bewahrt. Italien bleibt ein Motiv, welches den Roman durchzieht.

Charlie spielt ebenso eine wichtige Rolle in Becks Leben, er möchte vor allem eines, seine Familie wiedersehen und die Angst vor dem Tod verlieren. Nach dem Ausbruch aus einer Klinik, überzeugt Charlie Beck mit ihm und Rauli in die Türkei zu fahren, um Charlies Mutter zu finden. Die 3 erleben eine spektakuläre Reise von München bis in die Türkei, Nahtoderfahrungen, Rauschzuständen und freundschaftliche Momente prägen diesen Roadtrip. Charlie kehrt von der Reise nie zurück.

Nach dem gemeinsamen Sommer bricht die Chronologie auf, da der Autor selbst in den Diskurs eintritt. Er schildert einen vermeintlich realen Briefwechsel zwischen ihm und Beck, welcher sich auf die Kreation seines Romans bezieht. Damit hebt er die gesamte Geschichte auf eine metaphysische Ebene. Es wird über die Inspiration der Geschichte nachgedacht und über den Schreibprozess reflektiert. Nach der Reise im Sommer 1999, findet ein Zeitsprung statt, Beck hat sein altes Leben hinter sich gelassen. Rauli ist als Musiker berühmt geworden. Beide haben kaum Kontakt, bis Rauli eines Nachts abrupt bei Beck auftaucht, bald aber wieder verschwindet und Beck aufgewühlt, mit einem gebrochenen Herzen und „Finding Anna“ zurücklässt, dem Lied von Becks schönsten Jahr.

Ein bewegender, tiefgründiger, gewaltiger Roman

„Becks letzter Sommer“ ist ein Roman, welcher die Leser in seinen Bann zieht, er bewegt und hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. Trotz der tragischen und melancholischen Elemente wirkt die Geschichte leicht und frei, sodass man sich die Abenteuer der Protagonisten herbeiwünscht. Die Geschichte ist realistisch und nachvollziehbar verfasst, man kann sich in alle Figuren hineinversetzten und gleichzeitig ein außenstehender Beobachter bleiben. Die Geschichte wird auf eine neue Ebene gehoben, da der Autor selbst als Figur auftritt und in einem Dialog mit dem Protagonisten steht, der Realitätsbezug lässt die Leser über deren Leben reflektieren.

Wells besonderer und leichter Schreibstil zieht einen nicht nur in Becks letzter Sommer in den Bann, sondern auch in seinen anderen Werken, zum Beispiel „Spinner“ oder „Vom Ende der Einsamkeit“. Benedict Wellt schreibt Geschichten fürs Herz, indem er die Probleme und Sorgen der Menschen anspricht, welche in jedem von uns Schlummern. Verpasste Chancen, Ängste und die Schwierigkeit seinen eigenen Weg zu gehen, spielen in unser aller Leben eine große Rolle, daher ist der Roman „Becks letzter Sommer“ empfehlenswert. Es handelt sich um eine unkonventionelle Lektüre, die uns einmal mehr zeigt auf was es im Leben eigentlich ankommt.

Benedict Wells:

Autor: 1984 in München geboren

Zog nach Berlin, entschied sich gegen ein Studium

„Vom Ende der Einsamkeit“- internationaler Erfolg; Bestseller Liste

2016 European Union Prize for Literature ; in 27 Sprachen übersetzt

Eine Rezension von: Eva Goldbach

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