Ein Rückblick auf ein Konzert des Orchesters des Champs-Elysées in der Philharmonie Essen. 

Violine: Isabelle Faust
Violoncello: Christian Poltéra
Orchestre des Champs-Élysées
Dirigent: Philippe Herreweghe
 
Johannes Brahms
Konzert a-Moll für Violine, Violoncello und Orchester, op. 102

Antonín Dvorák
Sinfonie Nr. 8 G-Dur, op. 88 „Englische“

Philippe Herreweghe – Pianist, Cembalist und Organist, Mediziner und Chorleiter; geboren in  Gent. Herreweghe gründete und leitet das Orchester des Champs Elysées. Er ist anders und das macht ihn zu einem besonderen Dirigenten. 

 

Eigenwillig, aber voller Humor, so gestalete sich auch seine Konzerteinführung, die nicht im Stil einer universitären Vorlesung präsentiert wird. Stattdessen geben das Orchester und sein Dirigent ihr Programm zum Besten. Denn vorab geht Herreweghe das Stück durch, unterbricht seine deutsche Rede kurz durch Ansagen wie: „mesure dix-huit s‘il vous plaît“ zum Orchester gewandt, und eine Sekunde später erklingt Takt 18 der Sinfonie. So verfährt er mit dem ganzen Stück, verwechselt versehentlich deutsche und französische Sprache und als er für seine geplante Stelle in der Partitur nicht sofort die richtige Seite findet erklärt er: „Ich kann das natürlich auswendig“. Er vermittelt eine gelassene Stimmung, die Ernsthaftigkeit, die klassischer Musik oft vorgeworfen wird, weicht hier Gelassenheit und Humor. Im Publikum bekommt man das Gefühl, Herreweghe als Menschen kennen zu lernen. Er ist witzig und das Orchester setzt jede seiner noch so spontan wirkenden Ideen um.

Als er plötzlich den lauten Schluss der Sinfonie, den er in der Einführung präsentieren will, viel zu schnell dirigiert, wird diese spontane Intuition des Meisters bravourös umgesetzt. Dieser entschuldigt sich anschließend mit den Worten „ich hätte mit dem Tempo beinahe meinen Flötisten getötet“. Das Bild des Profiorchesters glänzt. (Foto: Sven Lorenz) 

Ein „Spätwerk Brahms“ (1833- 1897), erklärt Herreweghe. Das Konzert für Geige und Cello, das später den Eindruck eines kammermusikalischen Auftritts hinterlässt.  (Fotos: Sven Lorenz) 

Stell dir folgendes vor: Eine Menschenmenge von etwa 30 Leuten malt zeitgleich ein Bild. Jeder Teilnehmende bekommt ein Blatt, am Ende werden diese mit Hilfe des Dirigenten zusammengefügt. Es entsteht ein perfektes Ganzes mit fließenden, millimetergenauen Übergängen. Im Zentrum das Bildes steht eine von zwei erfahrenen Künstlern in Zusammenarbeit gemalte Kathedrale. Sie versinnbildlicht Herreweghes Vorstellung, wenn er Brahms dirigiert. Das Kunstwerk wirkt, als sei es von einer Hand gemalt. Cello und Geige bieten ein exzellentes Duo. Vielleicht ist das Cello etwas zu leise, da es sich oft mit dem Orchesterklang vermischt. Doch das stört nicht, denn das Gesamtbild stimmt.

Das Highlight des Abends ist Dvořáks 8. Symphonie. Eine Dame im Publikum erklärt kurz vor Beginn: „Und jetzt genießen wir!“ und lehnt sich entspannt in ihrem Stuhl zurück. Auf diesen Moment haben sich alle gefreut. 

Interessant sind auch die Instrumente, die sie spielen.

Die Leidenschaft des Orchestres des Champs Elysées ist es, alle Werke mit Instrumenten zu spielen, die in ihrer Bauweise der Zeit der Entstehung der Werke entspricht. Dvořáks 8. Sinfonie entstand 1889.

Eine Zeit in der Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass größtenteils mit Darmseiten bespannt waren, Querflöten aus Holz anstatt aus Metall waren, und alle Instrumente mit ihrer Zeit gemäßer Technik gebaut wurden. Klang und Spieltechnik des Orchesters bieten so ganz andere Möglichkeiten und die Aufführung des historischen Orchesters kommt der ursprünglichen Vorstellung der Komponisten wohl recht nah.

 

Die Musiker begeben sich auf eine Zeitreise, sie intonieren Musik, Gedanken, Gefühle und Begebenheiten einer anderen Zeit und spielen auf heute nur selten gehörten Instrumenten. Herreweghes bald 30 Jahre altes Orchester meistert diese ungewöhnliche Herausforderung grandios und überzeugt das moderne Publikum.

Dieser Bericht entstand mit freundlicher Unterstützung der Theater und Philharmonie Essen GmbH (TUP)