Grenzgänger-Mechthild Bormann

Ein kleines Mädchen schmuggelt Kaffee über die deutsch-belgische Grenze, um ihre Familie zu ernähren. Aber dann passiert das Undenkbare und die Geschwister werden getrennt. Eine spannende Geschichte über Schuld, Gerechtigkeit und die Suche nach der Wahrheit.

Wir befinden uns im Deutschland der Nachkriegszeit. Henriette Schöning, von allen Henni genannt, ist zwölf Jahre alt, als der Krieg endet. Zusammen mit ihrer Mutter und ihren drei Geschwistern lebt sie in einem kleinen Dorf namens Velda, das nahe der belgischen Grenze liegt. Als ihr Vater aus dem Krieg zurückkehrt, nimmt das Unglück seinen Lauf: da er aufgrund seines Kriegstraumas nicht mehr arbeiten kann, muss Henni zusammen mit ihrer Mutter in einer Gaststätte arbeiten, um die Familie zu versorgen. Sie, die eigentlich immer zu den Klassenbesten gehört hatte und aufs Gymnasium hätte gehen sollen.


Im April 1947 trifft die Familie erneut ein großes Unglück: ganz plötzlich stirbt Hennis Mutter. Mit letzter Kraft bittet sie Henni darum, sich um ihre Geschwister zu kümmern. Als der Vater kurz nach dem Tod verkündet, dass die Geschwister getrennt und in ein Heim gesteckt werden sollen, wehrt sich Henni mit allen Mitteln dagegen. Den letzten Willen ihrer Mutter muss sie unbedingt erfüllen. Schließlich kann sie ihren Vater überreden und er lenkt ein: fürs Erste können die Kinder dableiben.

Nun liegt es an Henni, die Familie zu versorgen. Um Geld zu verdienen, schließt sie sich einer Gruppe von Kaffeeschmugglern an, die nachts zu Fuß über die Grenze nach Belgien gehen. Doch nachdem in einer Nacht einer der Kaffeeschmuggler aus dem Dorf erschossen wird, stoppen die nächtlichen Touren – zu gefährlich ist es geworden. Ab nun an geht Henni alleine Kaffee schmuggeln und geht über das Vennplateau, um über die Grenze zu gelangen. Immer öfter nimmt Henni ihren Bruder Matthias und ihre Schwester Johanna auf dem gefährlichen Weg mit, denn zu dritt können sie mehr Kaffee tragen. Doch dann werden sie eines Nachts, im März 1950, erwischt und Johanna wird versehentlich erschossen. Man bringt Henni wegen „sittlicher Verwahrlosung“ in eine „Besserungsanstalt für Mädchen“ nach Aachen. Ihre Geschwister Fried und Matthias steckt man in ein kirchliches Kinderheim, wo sie auf Thomas treffen. Die drei Kinder machen im Heim die Hölle durch: die frommen Ordensschwestern stellen sich als gewalttätige, manipulative Erzieherinnen heraus, die die Kinder für jedes kleinste Vergehen aufs Schlimmste bestrafen. Von dem allem bekommt Henni nichts mit, denn der Kontakt zu ihren Geschwistern ist ihr auch lange Zeit nach ihrem Aufenthalt in der „Besserungsanstalt“ untersagt. Erst einige Jahre später erfährt sie von den entsetzlichen Umstände im Kinderheim und vom Tod ihres Bruders Matthias – und ist fest entschlossen, nach der Wahrheit zu suchen.

Zwei Zeitebenen

Mechthild Borrmann erzählt diese Geschichte auf ganz besondere Weise: die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen, springt zwischen den Orten Velda, Lüttich und Aachen hin und her und neben der Hauptgeschichte gibt es noch zwei andere Erzähler, die eine eigene Sicht auf die Geschichte haben. Zum einen gibt es Elsa, Hennis frühere Nachbarin und Kindheitsfreundin, die immer noch in Velda wohnt, aber manche Dorfbewohner ganz und gar nicht schätzt. „Verlogenes Pack, alle miteinander“, nennt sie diejenigen Bewohner, die jetzt über Henni reden, als wäre sie eine Kriminelle, nur weil sie das getan hat viele andere im Dorf auf getan haben, nämlich illegal Kaffee schmuggeln. Elsa zeigt die Scheinheiligkeit und Falschheit der Dorfbewohner auf, die jemanden wie Henni unreflektiert verurteilen, ohne sich in ihre Sicht hineinzuversetzen.

Der zweite Erzähler ist Thomas Reuter, der seine ganze Kindheit im kirchlichen Heim verbracht hat und eng mit Matthias und Fried befreundet war. Noch viele Jahre später leidet er unter den traumatischen Erinnerungen aus dem Heim und verarbeitet diese in seinen Bildern. Nachdem Fried ihn wegen des Prozesses um Matthias anruft, steigen immer mehr Erinnerungen in Thomas hoch. Immer wieder erzählt er in seinen Rückblenden, die ihn heimsuchen, wie es sich im Heim zugetragen hat. Er erinnert sich an die Zeiten, in denen er als kleiner Junge vor allen als „Hampelmann“ und „Nichtsnutz“ bloßgestellt wurde, an die Angst vor Schwester Angelika und ihre gewalttätigen Strafen. Thomas ist eine sehr rätselhafte und ambivalente Figur, die von Schuld und Ungewissheit geplagt ist und die verdeutlicht, wie schlimm die Konsequenzen der „Erziehungsmaßnahmen“ der Heime für die Opfer waren. Es handelt sich zwar um eine fiktionale Geschichte und fiktionale Personen, aber doch hat vieles einen wahren Kern: wie Mechthild Borrmann in ihrem Nachwort schildert, beruhen die Zustände im Kinderheim auf Gesprächen mit Zeitzeugen, Archivmaterial und Dokumentationen. Auch den Kaffeeschmuggel gab es.

Auf der Suche nach der Wahrheit

Einfühlsam und klug schreibt Mechthild Borrmann einen spannenden Roman, der auf den ersten Blick eine Geschichte der Nachkriegszeit erzählt. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass viele Fragen aufgeworfen werden, die darüber hinausgehen. Ein zentrales Thema des Romans ist beispielsweise die Frage nach der Schuld: Wer ist Schuld daran, dass alles so aus dem Ruder lief? Gibt es überhaupt einen einzigen Schuldigen? Unweigerlich damit verbunden ist die Frage nach der Wahrheit, die sowohl Henni als auch den Leser umtreibt und die am Ende nicht ganz geklärt wird – was zeigt, dass es oft eben mehrere Wahrheiten gibt und man sich als Leser selber die Frage stellen muss, wem und was man glaubt.

Mechtild Borrmann (* 1960 in Köln) ist eine deutsche Kriminalromanautorin, Pädagogin und Gastronomin. Sie lebt in Bielefeld. Sie wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, z.B. dem Deutschen Krimi Preis. Zwei ihrer Romane „Trümmerkind“ und „Grenzgänger“ standen über ein Jahr lang unter den TOP 20 der Spiegel-Bestsellerliste.

(Foto: Thomas Gebauer) 

Rezension von: Maria John Sánchez

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