Miko Sophie Kühmel: Kintsugi

„Kintsugi“ ist der Titel des Debütromans von von Miku Sophie Kühmel, aus dem Jahr 2019, derselbe Titel bezeichnet eine japanische Keramikkunst, die in dem Roman eine zentrale symbolische Funktion einnimmt. Die Ästhetik der japanischen Kunst, zerbrochene Gegenstände und Scherben, durch die Bearbeitung mit Gold und anderen Metallpulvern zu reparieren und damit eine neue Ästhetik zu erschaffen lässt sich sinnbildlich auch auf die Handlung des Romans übertragen.

Lebensweisheiten und zwischenmenschliche Erkenntnisse, spiegeln sich in Kühmels Roman wider, welcher 2019 im Fischerverlag erschienen ist und der Newcomerin Kühmel prompt einen Platz auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis ermöglichte. Zu Recht, denn Kintsugi ist ein Roman mit Tiefgang, welcher einen nachhaltigen und interessanten Leseeindruck hinterlässt.

Die Charakterdarstellung und das Beziehungsdrama von vier eng verwobenen Figuren nuancierten sich schön heraus, gerade auch in Kontrast zu dem fast zu harmonisch und ruhig wirkenden Umfeld. Die Hauptfiguren sind Reik und Max, ein Paar aus Berlin, die sich anlässlich ihres Jahrestages mit Reiks besten Freund Tonio und dessen Tochter Pega in dem Landhaus des Paares treffen, um ein gemeinsames Wochenende in Ruhe und vertrauter Gesellschaft zu verbringen. Durch intensive Innensichten, die Zeit nachzudenken, zu reflektieren und sich zu verstehen, werden Gefühle in den Gemütern der einzelnen Figuren warm, die zu einer brisanten Zuspitzung der zu Beginn so harmonisch wirkenden Situation führen. Wir lernen nach und nach jede einzelne Figur gut kennen, da jeder der vier Figuren ein Teil im Buch gewidmet ist, wodurch wir trotz subjektiver Schilderungen einen allgemeinen Eindruck der Figuren erhalten. So real, echt und schamlos die Figuren und deren Beziehungsleben geschildert wird, so echt fühlt sich die Geschichte an und man leidet als Leser mit, obwohl man manchmal gar nicht weiß warum.

„Ihr gönnt euch einfach selbst nicht, glücklich zu sein.“

Zu Beginn des Romans ist die Stimmung ruhig und entspannt, man erkennt jedoch, dass die scheinbar harmonische Stimmung und das ideale Leben der Figuren mehr Schein als Sein ist, je mehr man über die einzelnen Figuren erfährt, über deren Verbindungen, Erlebnisse und aktuellen Sorgen und Probleme. Durch den Perspektivenwechsel der beiden zentralen Figuren Max und Reik bis hin zu den eher beobachtenden Tonio und Pega, findet eine Objektivierung statt, wir erkennen ein vielschichtiges Beziehungskonstrukt und die Komplexität der Probleme und Ängste der Figuren. Während Pega mit den Problemen einer jungen Erwachsenen zu kämpfen hat, die zwischen ihrem unbeständigen Vater, Reik und Max vor allem versucht als Erwachsene Frau erkannt zu werden, steht Tonio vor der Herausforderung und auch Hoffnung die Liebe wieder zu finden und eine Beständigkeit in sein Leben zu bekommen, auch seiner Rolle als Vater zu liebe. Reik macht sich hingegen Gedanken um Kunst, seine Unsicherheiten, Selbstzweifel und Ängste und wünscht sich ein Kind zu haben, wohingegen für Max dies kein Thema von Interesse ist und er sich fragt, ob er seine Ziele vernachlässigt hat und wonach er eigentlich strebt.

„Wohin will ich? Um es schön auszudrücken, was ich darüber bisher weiß: Immer fort. Überallhin“

Kintsugi zeigt, durch Schilderungen erster wahrer Beziehungen, der Suche nach dem Sinn im Leben und vor allem nach Liebe, wie das Leben eine ständige Suche nach Antworten ist, die man im Endeffekt selbst nur durch Erfahrungen und seine individuellen Ansichten gewinnt. Es entwickelt sich ein indirekter Appell, seinen eigenen Weg zu gehen, auch wenn dieser schwer und teilweise wenig zufriedenstellend sein kann, denn alles andere erfüllt den Menschen ebenso wenig.

„Die ewige Freiheit. Dir ist vielleicht nicht klar, dass ich ab jetzt kein Netz mehr sein kann. Ich kann sie kaum noch fangen, und plötzlich ist jede Stolperfalle tödlich.“

Die Autorin spielt mit der zarten Verletzlichkeit der menschlichen Gefühle, gleichzeitig schmuggeln sich härtere Gedanken ein, die sehr realistisch und schamlos geschildert werden. Dieses Wechselspiel lenkt ein Augenmerk vor allem auf den Schreibstil Kühmels, man bemerkt deutlich, dass man sich in dem Roman in einem intellektuellen Milieu bewegt, die Dialekte der Berliner Protagonisten spielen trotzdem mit hinein und da es sich um eine Innensicht handelt, wirkt dieser gehobene Schreibstil dennoch authentisch und echt.

Insgesamt ist Kintsugi eine Bereicherung, allein schon auf sprachlicher Ebene und für diejenigen empfehlenswert, die sich für Charakterdarstellungen interessieren, sowie für persönliche und emotionale Dramen. Man taucht schnell in die Geschichte ein und kann sich gut in ihr verlieren. So unterschwellig und traurig die Handlung auch sein mag, das Leseerlebnis ist positiv, denn Kühmel beschreibt die Orte so fein und intensiv, dass wir in eine Welt mit Max, Reik, Tonio und Pega eintauchen können. Auf eine interessante Art und Weise kann man sich als Leser in den Hauptfiguren wiedererkennen und sich gut mit ihnen identifizieren. Kintsugi zeigt also, dass auch Zerbrochenes und nicht perfektes ästhetisch und gut ist, so wie es uns die japanische Keramikkunst auch zeigt.

 

Interview

 

  • Wie sind Sie auf die japanische Keramikkunst gekommen und inwiefern hat Sie als Inspirationsquelle für Ihren Roman gedient?

Es ist immer schwer, zurückzuverfolgen, was am Anfang eines Romans stand, womit man angefangen hat. Aber eine grundsätzliche Frage, die war für mich schon die ganze Zeit über da: wie geht man damit um, wenn ein Bruch passiert? Dabei kann der Bruch ja für alles mögliche stehen, das Ende einer Beziehung, ein Todesfall, ein Trauma, kleinere und größere Dinge. Und da lieferte mir dann irgendwann das Bild einer Keramikschale, die zerbrochen und mit Gold geflickt worden war, die perfekte metaphorische Antwort: so komplex wie simpel, so vielschichtig wie direkt. Die Ideen, auch philosophischer Natur, die hinter diesem Konzept liegen, verliefen dann für mich immer wie eine gedachte zweite schimmernde Haut unter dem, was ich erzählen wollte. Weniger diffus kann ich es leider nicht erklären.

 

  • Welche Faktoren haben Sie außerdem beeinflusst?

Ab einem gewissen Punkt des „Hineinarbeitens“ in den Text, fließt nahezu alles, was man hört, sieht, riecht, denkt, hinein.

 

  • Welche Schwierigkeiten stellt die sehr detaillierte Charakterbeschreibung für Sie dar?

Ich wollte ja, dass man den Figuren nahekommt, dass sie ihre Gedanken mit Leser*innen teilen und man sich fühlt, als sei man bei ihnen und in ihnen. Bei diesem Prozess habe ich sie ganz von selbst immer besser kennengelernt. Zuweilen gingen sie mir ziemlich auf die Nerven – auch das ist aber ein gutes Zeichen dafür, dass sie gewissermaßen „lebendig“ und daher eigensinnig geworden sind. Ich finde es immer schlimm, wenn ich das Gefühl habe, Autor*innen zwängen ihren Figuren, zu denen es gar nicht passt, eigene Meinungen und Überzeugungen auf.

 

  • Spiegelt sich ein modernes Phänomen von zwischenmenschlichen Beziehungen in „Kintsugi“ wider? Die Probleme einer sehr flexiblen Gesellschaft, von Fernbeziehungen und Bindungsängsten spielen alle eine Rolle, sehen Sie diese Entwicklungen auch in unserer Gesellschaft?

Mir ging es eher um den Versuch, Beziehungen in der Widersprüchlichkeit darzustellen, vor allem darin, wie sie von den Beteiligten erlebt werden, in ihrem Entstehen, aber auch ihre toten Punkte und Sackgassen, eben die Fragen, die man sich stellt, gerade weil man einen Menschen liebt. Ich glaube, die Erinnerungen und Gedanken, die in solchen Momenten aufblitzen, die Überzeugungen wie die Zweifel, sind kein spezifisch modernes Phänomen, sondern eine menschliche Grunderfahrung.

 

 

  • Ich bin beeindruckt, der Roman ist keine Abenteuergeschichte, vor allem eine detaillierte Schilderung von Charakteren und zwischenmenschlichen Beziehungen. Es gibt wenige aktionsreiche Entwicklungen, das Interessante sind ja vor allem die Gedanken und Beschreibungen der Charaktere. Trotzdem erschafft der Roman eine Dimension und Tiefe, die häufig sonst nicht möglich ist, wie haben sie das geschafft? Haben sie dies als Herausforderung gesehen? Ich stelle es mir schwierig vor einen tiefgründigen und mitreißenden Roman zu verfassen, ohne sich der klassischen abenteuerlichen und spannenden Handlungselemente zu bedienen.

Als Kind habe ich selbst furchtbar gern Abenteuerromane gelesen und liebe Vernes et. al. Aber für dieses Buch wollte ich mich auf die verschiedenen Wahrnehmungen in einem Beziehungsgeflecht konzentrieren, die Widersprüche zwischen Innen und Außen. Darauf, wie unterschiedlich wir uns zuweilen erinnern und uns gegenseitig und selbst sehen. Auf die Differenz zwischen Gedachtem und Gesagtem. Ich glaube, dass hier ‚Dimension und Tiefe’ entstehen – danke für das Kompliment! – hat sogar viel damit zu tun, dass sich der Roman nicht „mit zu viel Handlung aufhält“, sondern Platz ist für die Innenleben dieser vier Leute, hermetisch abgeriegelt unter einer gedachten Schneekugel in der Uckermark.

 

  • In Kintsugi beschäftigen sich die Figuren mit Kunst und Geisteswissenschaften, häufig werden diese in der Gesellschaft als „brotlose Kunst“ beschrieben. Inwiefern würden sie Geisteswissenschaften als wichtig betrachten und die Kunst als einen wichtigen Teil unserer Gesellschaft?

Aktuell ist Systemrelevanz ja eine sehr beliebte Kategorie: dabei aber wirkt unsere Vorstellung von Wertschöpfung im primären, am BIP orientierten Sinn, die vor allem Produktivität und Profit als Fortschritt begreift, eigentlich sehr aus der Zeit gefallen. Schnell entsteht, gerade jetzt der Eindruck, dass unsere Entwicklung als Gesellschaft mit der technisch-ökonomischen Innovation oder schleichenden, doch beharrlichen Naturkatastrophen kaum Schritt hält. Kunst und Geisteswissenschaften können helfen, diese Lücke zu benennen und als Problem ins Bewusstsein zu rufen, nicht nur durch politische Stellungnahme, sondern auch, indem sie sich bewusst zwecklos und unverfügbar halten. Daher sind sie vielleicht unwichtig – im besten Sinn…?

 

 

  • Kintsugi wird mit Yasmina Rezas Theaterstücken oder Goethes „Wahlverwandtschaften“ verglichen, wie stehen Sie zu diesen Werken und wie sehen Sie diesen Vergleich?

Vergleiche mit derlei Künstler*innen ehren mich natürlich. Die Wahlverwandtschaften habe ich im Studium gelesen, Yasmina Rezas Theaterstücke kannte ich in Grundzügen, habe sie aber erst intensiver gelesen, als der Vergleich mit ihr häufiger auftauchte. Ich glaube, dass es Nähen gibt in der Konstellation, vielleicht auch in Form, Ton, ein kleinwenig im Sujet. Aber ich habe mir noch nie konkrete Texte zum Vorbild für meine eigenen Projekte genommen, eine der schöneren Bemerkungen zu frühen Arbeiten von mir war die eines Professors: er könne „sonst bei Studierenden genau sehen, was sie gerade so lesen“, bei mir aber erkenne er keine offensichtlichen Lektüren im eigenen Text.

 

 

 

  • Wie gehen Sie mit der Kritik bezüglich Ihres Romans um? Es gibt sehr positive Rückmeldungen, aber auch durchwachsene.

Ich würde jetzt gerne aus voller Überzeugung sagen, dass ich Kritiken nicht läse, aber das wäre eine Lüge. Nachdem dieses Buch so lange ein Teil nur von mir gewesen war, hat es mich natürlich nervös gemacht, es der Öffentlichkeit zu zeigen. Natürlich haben die negativen Reaktionen geschmerzt, aber das ist dann eben so, gerade wenn ich den Eindruck hatte, dass die Person das Buch trotzdem ernst genommen hat. Diese Geschmacksurteile gehören zum Betrieb und zur Literatur als solcher dazu und für mich war alles auch einfach sehr neu und aufregend. Erst mit der Shortlistnominierung habe ich dann wirklich aufgehört, zu lesen, weil das den Druck nur noch erhöht und mich nurmehr verunsichert hat und ich zu diesem Zeitpunkt das Gefühl hatte, es bringt mir absolut nichts mehr, das noch zu verfolgen.

 

 

  • Sie waren nominiert für den Deutschen Buchpreis, das ist eine Ehre. Was halten Sie von den anderen nominierten, kennen Sie einige dieser Werke selbst?

Meine erste Lesung aus meinem ersten Roman war direkt beim Longlistabend vor einem vollen Audimax in Hamburg. Nach fantastischen Kolleg*innen wie Karen Köhler und Saša Stanišić. Das war eine große Ehre und zuweilen ehrlich gesagt auch eine (privilegierte) Bürde. Der Druck war immens hoch und auch noch auf die Shortlist zu kommen, hat diesen Druck nicht eben verringert. Im Gegenteil. Sašas Gewinn mit Herkunft und gerade seine Art, politisch zu denken und zu schreiben, haben dem Deutschen Buchpreis sicherlich sehr gut getan. Mit Tonio Schachinger, der als zweites Küken, auch 1992 geboren, mit Nicht Wie Ihr nominiert war, verbindet mich mittlerweile eine Freundschaft und auch z.B. Angela Lehners Vater Unser hat mich begeistert, genau wie sie als Kollegin.

 

  • Wie ist es als Freiberuflerin tätig zu sein? Genießen Sie die Freiheiten, oder verspüren Sie Druck?

 

Ich war nie fest angestellt, hatte nur im Studium Hilfskraftstellen – und das hat mir als Einblick in den Büroalltag gelangt. Tatsächlich nehme ich die Nachteile der Freiberuflichkeit, die Unsicherheiten und den Papierkram, gern in Kauf, wenn ich dafür den Löwenanteil der Zeit mit dem verbringen kann, was mich interessiert und mir Freude macht. Ich lebe ja nicht ausschließlich vom Schreiben, sondern bin auch in der Audioproduktion tätig, und das ist immer neu, immer anders, ständig gibt es Abwechslung. Aber natürlich erfordert das ein gewisses Maß an eigenen Routinen, die man sich schafft, viel Reflektion und ein paar gute Taktiken, um hin und wieder auch mal nichts (also: wirklich nichts) zu tun.

 

  • Haben Sie aktuell eine persönliche Buchempfehlung für uns?

Girl, Woman, Other von Bernardine Evaristo mochte ich sehr gern und auf dem Lesestapel ganz oben ist gerade 1000 Serpentinen Angst von Olivia Wenzel.

 

Von Eva Goldbach

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.