Pierre Jarawan: Ein Lied für die Vermissten

Nachdem seine Großmutter mit ihm aus dem Libanon geflüchtet ist, als er noch ein Baby war, kehrt Amin mit 13 Jahren in das Land zurück. Dort braucht er Zeit, um sich in dieses fremde Land einzuleben, das viele Rätsel birgt. Zum Glück lernt er Jafar kennen, mit dem er das teilweise im Krieg zerstörte Beirut erkundet. Seine Großmutter, die ein Café eröffnet hat, versorgt ihn außerdem mit einem Aushilfsjob im Nationalmuseums Beiruts, wo er den Hakawati Saber Mounir kennenlernt. Nach und nach stößt er auf immer mehr Rätsel: Was ist in diesem Land passiert? Was hat es mit den mysteriösen Bildern auf sich, die seine Großmutter malt? Und wer sind diese Personen, die immer im Café auftauchen wirklich? Welches Geheimnis verbirgt der Raupenzüchter?

Und dann, eines Tages, gerät Amins Welt aus den Fugen: Sein Nachbar verschwindet von einem Tag auf den anderen und im Café seiner Großmutter gibt es mysteriöse Zwischenfälle. Jahre später versucht Amin immer noch, die Zusammenhänge zwischen allem, was passiert ist, zu verstehen. Nach und nach erinnert er sich an seine Jugend an Beirut und die vielen Personen, die sie begleitet haben.

„Das Erzählen“, sagt er, „kann nichts von dem, was verloren ist, zurückholen. Aber es kann das Verlorene erfahrbar machen“.

Mit seinem Roman gelingt Pierre Jarawan ein großer Roman über das Vergessen und das Erinnern. Das kollektive Trauma des Bürgerkrieges wird hier sehr deutlich. Keiner will über das reden, was passiert ist. So kann sich Jafar, Amins Freund, zwar die fantastischsten Geschichten ausdenken. Aber über sich selbst und seine Vergangenheit spricht er kaum. Und Amins Großmutter, die Amin nur vor dem bewahren möchte, was sie durchlebt hat, macht durch ihr Schweigen alles nur schlimmer. Der Libanon erscheint als ein Land, das das Erinnern vergessen hat. Auch deswegen ist es für Amin zunächst schwierig, sich in Beirut zurechtzufinden. Der Bürgerkrieg hat viele Ruinen und leerstehende Gebäude hinterlassen. Mithilfe von Geschichtsbänden und Stadtplänen versucht er, sich eine Idee von diesem fremden Ort zu machen. Außerdem nimmt Jafar ihn in nächtlichen Exkursionen mit in die Ruinen. Aber Beirut ist auch eine Stadt der ständigen Veränderungen: nach und nach werden die brachliegenden Stellen durch neue Gebäude ersetzt. Beirut erschient Amin als eine einzige Baustelle. Er versucht, alles festzuhalten, in Notizen, Listen und Geschichten. Auf genau diese Notizen stützt er sich Jahre später, um sich an alles zu erinnern. Aber er muss feststellen, dass ihm gerade an den wichtigen Stellen Erinnerungen fehlen und er weniger über sein Umfeld wusste, als er dachte.

 „Es heißt, wir sind die Summe unserer Erinnerungen, unsere Identität sein wie ein Teppich kunstvoll aus diesen Fragmenten gewebt.“

 

Pierre Jarawan schreibt seinen Roman auf fragmentarische Weise, die die Art, wie man sich erinnert, imitiert. Nämlich durcheinander und assoziativ, nicht chronologisch. Die einzelnen Erzählebenen, die sich über einen Zeitraum von mehr als 40 Jahre erstrecken, fügen sich erst ganz am Ende zu einem Gesamtbild zusammen. Und auch dann bleiben einige Fragen ungelöst, manche „Leerstellen“ konnten selbst von Amin, dem Geschichtenerzähler, nicht vollständig gefüllt werden. Und sowohl Amin als auch der Leser merken: Manchmal ist die Wahrheit nicht so eindeutig, wie man es glauben möchte.

Interview

Autorenbeschreibung

Pierre Jarawan ist Autor, Slam Poet, Moderator und freier Fotograf. Er wurde 1985 als Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter in Amman, Jordanien, geboren, nachdem seine Eltern den Libanon wegen des Bürgerkriegs verlassen hatten. Im Alter von drei Jahren kam er nach Deutschland. Im Jahr 2012 wurde Pierre Jarawan internationaler deutschsprachiger Meister im Poetry Slam. Sein erster Roman, Am Ende bleiben die Zedern, ist in viele Sprachen übersetzt und ein internationaler Bestseller. Pierre Jarawan lebt in München.

Ein Beitrag von: Maria John Sánchez

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