Mit seinen Büchern „Verbrechen“ (2009) und „Schuld“ (2010) ist Ferdinand von Schirach zum Star geworden. Der erfolgreiche Strafverteidiger schaffte es, ein großes Lesepublikum für eine andere Seite der Kriminalerzählung zu interessieren. Es geht bei ihm nicht um die Auflösung eines Falles und die Verurteilung des Täters, sondern dessen Vorgeschichte und menschlichen Tragödien. Schirachs knappe, unsentimentale Prosa bietet eine ungewöhnliche Atmosphäre, die trotz ihrer Eingängigkeit nicht ohne Verstörungen auskommt.

 

Schirach bleibt bei auch bei „Tabu“ seinem Metier – Verbrechen, Schuld, Fragen des Rechst treu. Der Protagonist Sebastian von Eschburg ist Fotograf. Als Künstler setzt er sich mit grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis der Kunst zur Wirklichkeit, von Fakt und Fiktion, von Mimesis und Manipulation, von Verfremdung und Wahrheit und mit der bildlichen, medialen Vermittlung von Tatsachen auseinander.

Die Frage was authentisch und was fingiert ist, rückt ins Zentrum der Erzählung.  Damit ist das Dilemma dieses Buches greifbar.

 

Sebastian von Eschburg entstammt einer Adelsfamilie, welche nahe dem finanziellen Schiffbruch lebt. Seine Kindheit und Jugend verbringt er auf dem familiären Anwesen an einem bayrischen See und anschließend auf einem Internat in der Schweiz. Von seinen Eltern bekommt er wenig Aufmerksamkeit, die Mutter interessiert sich nur für Pferde, der Vater begeht Selbstmord. Es ist wenig überraschend, dass sich für Sebastian daraus psychische Probleme ergeben.

 

Die sich mittels einzelner knapper Szenen zu einiger Ausführlichkeit aufschwingende Schilderung der Lebensumstände des Protagonisten führt Schirach so weit weg von der Verbrechens-Thematik wie noch kein Text zuvor.

 

Zugleich ist dieser Teil des Romans, der sich mit der Kindheit und Karriere des Fotografen beschäftigt, durchzogen von poetischen Fragen nach der Kreativität und Kunst. Der Leser begleitet Sebastian bei seinen künstlerischen Schaffensprozessen, die ihn zu einem berühmten Fotografen und Videoinstallationskünstler werden lassen.

 

Tristesse als sprachliches Stilmittel ist dem Erzählten angemessen. Wer einen Kriminalroman erwartet, der von Spannung und funkelnden Beschreibungen lebt, wird dies als Langeweile empfinden.

Erst die zweite Hälfte des Romans ist um ein Verbrechen gruppiert. Sebastian von Eschburg wird als Mörder beschuldigt, die Indizien sind erdrückend. Auch dieses Verbrechen fügt sich ein in die großangelegte Fragestellung über Wahrheit und Fiktion, Wirklichkeit und Simulation. Im Zuge der Vernehmungen des Verdächtigen kommt es zum titelgebenden Tabu.

 

Das Buch lohnt sich für alle Interessierten, die sich mit philosophischen Fragestellungen, Kunst und Realität befassen möchten. Schirachs Stil ist durchaus nüchtern und lässt sich daher leicht lesen.

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